Miss Anonyma: Ganz unten…
3. Februar 2014   //   By:   //   Miss Anonyma   //   No Comment

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Miss Anonyma ist eine fiktive Person und steht stellvertretend für viele Mütter, die etwas aus ihrem Leben erzählen möchten, ohne dabei ihre wahre Identität preisgeben zu müssen. Sie erzählt uns etwas über tiefe Emotionen, gibt Gedanken preis, die nicht immer gesellschaftsfähig sind und spricht Themen an, wozu einem sonst der Mut fehlt. Die Beiträge stammen von verschiedenen Müttern aus der digitalen Welt, die uns ihre Gedanken zusenden, um sie zu veröffentlichen. Miss Anonyma spricht über das echte Leben – das hinter der Heile-Welt-und ich bin perfekt-Schale!

Schon zu Beginn der zweiten Schwangerschaft habe ich angefangen zu predigen. Davon, dass mit zwei Kindern noch mal alles anders wird, davon, dass wir dann mehr Papa zu Hause brauchen, davon, dass man(n) das dem Chef besser langsam und schonend bereits jetzt beibringen sollte.
Nun ist unser süßes kleines Kind ein Jahr alt. Heute hat es Geburtstag – und wir sind zur Beerdigung meines Cousins in Wilhelmshaven. Leben und Tod – ganz nah beieinander. Wir sitzen am Meer, haben uns ein Zimmer an der See gegönnt. Reden.

Die Stimmung ist schwer, denn morgen werde ich meinen Mann in eine psychatrische Klinik bringen. Er hat sich selbst eingewiesen. Wir haben gekämpft und – gefühlt – verloren. Burnout sagen die Einen, Erschöpfungsdepression die anderen. Egal wie man es nennt, es ist ein graues Ungeheuer, das unsere Familie aufzufressen droht.
Schon zum Ende der Schwangerschaft war es schwierig, aber da haben wir noch geglaubt, dass wir das schaffen. Die zwei Monate Elternzeit haben wir mehr miteinander gestritten, als jemals zuvor. Der Chef nahm von Woche zu Woche mehr Platz in unserem Bett ein. Er lag zwischen uns, ließ sich nicht verbannen aus dem Familienleben.
Die Nächte wurden immer kürzer. Schlafstörungen durch’s schreiende Kind. Schlafstörungen aber auch wenn das Kind schlief. Der Druck auf der Arbeit wuchs. Endlich Wochenende – und dann endlose Diskussionen über Arbeitszeit und –belastung. Zunächst am Sonntag Nachmittag, von Woche zu Woche jedoch immer früher am Wochenende zog das Schreckgespenst ‚Montag beginnt die Arbeit wieder!‘ über uns hinweg und lähmte unsere Gedanken und Taten.

Der Blutdruck stieg, Blutdruckmedikamente wurden gegeben. Eine Psychotherapeutin gesucht. Diese sagte „Sie müssen mehr für sich tun!“. Mein Mann ging in die Sauna. Ich blieb mit den Kindern allein daheim. Es wurde schlimmer. Die Therapeutin sagte „Dann müssen Sie sich krankschreiben lassen!“. Nein, das kam für ihn nicht in Frage. Er schleppte sich zur Arbeit, machte einen zunehmend mittelmäßigen Job und kam heim und fiel in ein Loch. Mehrere Monate ging das so.

An einem Tag im November – draußen war es grau und düster – fand ich meinen Mann morgens auf dem massiven Couchtisch sitzend, in die Leere starren. Eigentlich wäre Zeit für Duschen und Aufbrechen zur Arbeit gewesen. Aber es ging nicht. Ich entschuldigte ihn bei seinem Chef mit einer Magen-Darm-Geschichte. Die will niemand haben und man ist erst mal aus der Schusslinie. Ich rief unseren Hausarzt an und schickte meinen Mann ins Badezimmer, brachte ihm die Kleidung und ihn danach zum Arzt. Die Depression war nun greifbar. Er bekam Schlafmittel. Die nächtliche Versorgung der Kinder lag auf meinen Schultern. Es würde irgendwie gehen! Ich begann nach einer Reha-Maßnahme für ihn zu suchen, schrieb einen Antrag für ihn, stimmte mich mit dem Arzt ab. Mein Mann ging arbeiten, funktionierte dort – zu Hause nicht mehr! Der Antrag wurde abgelehnt. Ich schrieb einen Widerspruch.

Es war Winter, kalt. Ich übernahm die nunmehr drei „Kinder“ – zwei kleine und ein Großes – fast 40 Jahre alt. Organisierte, tröstete, pflegte, plante, sorgte für gutes Essen, für Bewegung, für frische Luft. Ich wütete, wenn mein Mann von der Therapie kam. Von dort kamen nur defizitorientierte, familienfeindliche Ratschläge und schon lange war ich sicher, dass diese Therapie meinem Mann nicht gut tat. Aber wo und wie einen neuen Therapeuten finden?!

Ein Achtsamkeits-Training brachte ein bisschen Hoffnung und mein Mann traute sich zu, den Therapeuten zu wechseln, auch wenn dies hieß einige Wochen ohne zu sein. Den neuen Arzt und Psychotherapeuten schickte der Himmel. Er verschrieb kurzerhand Psychopharmaka, die meinen Mann nachts schlafen und tagsüber funktionieren ließen. Medikamente, die wir so lange abgelehnt hatten, mussten nun sein. Sie wirkten – ein bisschen Normalität erreichte uns. Mit den ersten Frühjahrssonnenstrahlen kam wieder Leben in uns. Dennoch – die Grundproblematik „Job und Überforderung“ hatte sich keinen Millimeter bewegt. Die Einsicht für „Da ist keine Balance zwischen Job und Familie“ wurde immer deutlicher, aber Gespräche mit dem Chef? Undenkbar! Kraft in einen Arbeitsplatzwechsel investieren? Woher nehmen? Den Tag einigermaßen strukturieren klappte ja gerade erst wieder.

Am Tag vor unserem Osterurlaub kam die erneute Ablehnung des Reha-Antrags. Damit war die Chance – drei Wochen Auszeit – weg. Wir fuhren los in den Urlaub. Wieder mal hatte mein Mann bis abends spät noch gearbeitet und ich alleine gepackt. Ich sagte ihm nichts von der Ablehnung, hoffte auf die heilende Wirkung des Urlaubs. Sie blieb aus. Er konnte nicht mehr entspannen, war mit den Gedanken mehr im Job, als bei uns.

Am Ende musste ich es ihm sagen. Ein riesiges schwarzes Loch tat sich auf. Ich hatte es kommen sehen und schon angefangen nach Kliniken zu recherchieren. Statt zur Arbeit ging er zum Arzt und bat um die Einweisung in die Klinik. Plötzlich ging alles ganz schnell. Ein Fax an die Kasse, eine Bestätigung, ein Klinikplatz. Jetzt würde ich alleine mit den Kindern sein – wie lange wohl?!

Miss Anonyma
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Miss Anonyma ist eine fiktive Person und steht stellvertretend für viele Mütter, die etwas aus ihrem Leben erzählen möchten, ohne dabei ihre wahre Identität preisgeben zu müssen. Sie erzählt uns etwas über tiefe Emotionen, gibt Gedanken preis, die nicht immer gesellschaftsfähig sind und spricht Themen an, wozu einem sonst der Mut fehlt. Die Beiträge stammen von verschiedenen Müttern aus der digitalen Welt, die uns ihre Gedanken zusenden, um sie zu veröffentlichen. Miss Anonyma spricht über das echte Leben - das hinter der Heile-Welt-und ich bin perfekt-Schale!

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