Miss Anonyma: Ein ganz normaler Mama-Multitasking-Tag
28. September 2014   //   By:   //   Miss Anonyma   //   1 comment

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Miss Anonyma ist eine fiktive Person und steht stellvertretend für viele Mütter, die etwas aus ihrem Leben erzählen möchten, ohne dabei ihre wahre Identität preisgeben zu müssen. Sie erzählt uns etwas über tiefe Emotionen, gibt Gedanken preis, die nicht immer gesellschaftsfähig sind und spricht Themen an, wozu einem sonst der Mut fehlt. Die Beiträge stammen von verschiedenen Müttern aus der digitalen Welt, die uns ihre Gedanken zusenden, um sie zu veröffentlichen. Miss Anonyma spricht über das echte Leben – das hinter der Heile-Welt-und ich bin perfekt-Schale!

Es ist Mittwoch-Mittag. Ich stehe gerade wie ein Flamingo einbeinig im Badezimmer, versuche mit der linken Hand meine Zähne zu putzen (das soll gut sein für’s Hirn, wenn man das rechte Bein angewinkelt an das Knie stellt und mit links putzt – Stichwort „Brain Gym“), fische mein vibrierendes Smartphone aus der Tasche und lese eine Botschaft meiner Freundin: Sie habe eine Magenschleimhautentzündung – zu viel Stress. Mir fallen spontan viele gute Ideen ein, was sie in ihrem Leben anders machen kann. Und ich stelle mir die Frage, wie weit ich von einer stressbedingten Erkrankung entfernt bin. Egal, keine Zeit!

Bis gerade saß ich in der Badewanne. Also nein, nicht den ganzen Vormittag, sondern nur die letzten 20 Minuten. Meine Kinder sind in der Betreuung und ich musste dringend die Haare waschen – strähnig wie sie schon sind. Gleich habe ich nämlich einen Jobtermin und da will ich nicht wie die völlig überlastete Mama wirken, sondern frisch und fröhlich.

Meinem Mann schreibe ich eine Nachricht: „Sitze in der Wanne, nachdem ich die Wohnung aufgeräumt, den Job-Termin und das Essen für Euch vorbereitet habe.“ Er soll bloß nicht denken, dass ich mir ‚frei‘ nehme. Also schnell die Haare gewaschen und getrocknet, das Gesicht angemalt und die Zähne geputzt.

Ohje, schon so spät… Eigentlich will ich noch schnell… – aber ich muss los.

Tasche geschnappt, ab zur Garderobe, Schuhe anziehen. Mist, die gestreiften Socken sehen in den flachen Schuhen gar nicht professionell aus. Socken tauschen, los geht es!

Bevor der Job dran ist, muss ich jedoch die Kids einsammeln. Also zuerst zum Kindergarten. Oh, mein Kind schläft noch. Hin zum Schlafraum. Wie süß. Ich sauge dieses Moment tief in mich ein – ein völlig verknautschtes Näschen dreht sich in meine Richtung, ein Lächeln huscht über das kleine Gesicht, als es mich sieht. So fühlt sich Mama-Glück an! Es ist noch Zeit bis die Schulbetreuung schließt und so kann ich der kleinen Maus gönnen ganz langsam wieder in den Tag zur starten. Anziehen und ab zum Auto. Mein Kind sitzt hinten und sagt deutlich und mehrfach nachdrücklich „Ich möchte Bonbon!“. Hab ich nicht! Will ich auch nicht haben! Aber, warte mal – da sind noch ein paar restliche Schokosinen (also Rosinen mit Schokolade umhüllt). Die überbrücken den größten Hunger. Ich muss dringend wieder Studentenfutter ins Auto packen – beim Aldi gibt’s das jetzt in so netten 40-Gramm-Beuteln. Im Kopf notiere ich es auf der Einkaufsliste, um es beim nächsten Einkauf nicht mehr zu wissen.

Wir fahren zum Spielplatz kurz vor der Schule. Dort ist etwas Zeit. Leider darf ich mich nicht schmutzig machen und so ist das Vergnügen recht einseitig. „Ich möchte Eis!“ sagt unsere Kleine. „Kein Geld dabei!“, sagt die Mama. Wie gerne würde ich jetzt, statt auf dem eiskalten Spielplatz zu stehen, kurz am Eiskaffee vorbeigehen und mir und dem Kind eine Kugel gönnen. Ein bisschen Luxus an diesem turbulenten Tag. Aber meine Jackentasche hält leider keine Eurostücke mehr bereit.

Wir sind an der Schulbetreuung. Die Lehrerin unseres Großen kommt mir entgegen und wir versuchen ein kurzes Gespräch. Leider läuft es nicht so gut mit ihm in der Schule; eigentlich wäre Bedarf für ein ausführliches Gespräch. Da kommen aber auch noch zwei andere Mütter, die etwas mit mir besprechen wollen und meine kleine Maus will auf den Arm und quengelt. Dabei habe ich es doch jetzt eilig…

Großes Kind eingepackt – ab nach Hause. Hier mach ich schnell einen Teller mit Honigmelone für die Kinder, denn gleich kommt Oma und dann kann ja hier nicht nur Süßkram auf dem Tisch stehen. Ah, wie blöd! Unser Großer mag gar keine Melone, fällt mir zumindest noch so rechtzeitig auf, dass er nicht motzen kann. Ich schnibbel schnell noch einen Apfel klein und schäle zwei Möhren. Dann hat die Oma auch noch etwas Melone, wenn sie schon zum Kinderhüten kommt.

Ich fahre aus der Einfahrt. Nebenan hält ein Mini-Schulbus und unser behindertes Nachbarkind wird nach Hause gebracht. Ganz kurz schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, der gesellschaftlich sicherlich nicht konform ist. Dieses Kind ist rundherum versorgt. Ja, es ist bestimmt eine große Herausforderung für seine Eltern, aber es hat eine Vollzeitbetreuung, wird morgens abgeholt und nachmittags oder abends gebracht. Therapie findet in der Schule statt. Darf man so denken? Ich habe auch ein herausforderndes Kind – ein hochbegabtes Kind. Aber dafür gibt es keinerlei Strukturen – auch wenn es intellektuell mit einem IQ von 134 genau so weit von der Norm entfernt ist, wie unser Nachbarkind. Dieses Kind fahren wir täglich 10 km zur Schule, holen es ab, fahren 2x pro Woche zur Therapie, fördern es zu Hause mit großem Aufwand, sprechen mit den Lehrern, die sich immer wieder fragen, warum dieses Kind so ‚unnormal‘ ist, bauen es auf, trocknen Tränen des Unverständnisses und weinen die selbigen abends, wenn das Kind es nicht sieht. Ein großes Thema… Aber dafür ist gerade keine Zeit. Ich muss Geld verdienen, um die Therapien bezahlen zu können. Auf zum Job! Ich drücke Oma und bin wieder mal froh, dass sie keine Einweisung braucht. Sie macht das soooo gut!

Ich versuche mich zu sammeln, auf den wichtigen Termin vorzubereiten. MIST! Mein Mann hat das falsche Auto genommen. Ich habe das Auto ohne Navi vor der Türe stehen. Da habe ich nicht dran gedacht. Was sagt die Uhr? Okay, ich war schon mal dort – vielleicht finde ich es ohne Navi und notfalls habe ich mein Handy dabei und GoogleMaps; Retter der orientierungslosen Frauen!

Ich fahre los. In der Ortsmitte sehe ich im Vorbeifahren ein Plakat: „Deutschland sucht seinen Impfpass!“. Diese ‚Gesundheitsbaustelle‘ hat mein neuer – alter Gynäkologe glücklicherweise geschlossen. Ich bin voll geimpft und meinen Kindern ein gutes Vorbild!!! Zumindest in diesem Punkt… Aber das Plakat erinnert mich an zwei weniger schöne Arzt-Baustellen:

Ich muss mir einen neuen Gynäkologen suchen und zwar bald. Ich hatte einen, der auch meine Schwangerschaften gut betreut hat. Aber er ist zu weit weg und hält nichts von der Pille. Meine Erfahrungen mit der Spirale sind aber nicht so erfreulich und alles zusammen hat mich einen Neuen suchen lassen. Da war ich auch im Herbst – alles so weit gut. Seine Verantwortung in Sachen Impfen hat er sehr ernst genommen. Das hat mir gefallen. Aber die Untersuchungssituation war mir so peinlich – da gehe ich nicht nochmal hin! Was ist passiert: Von meinem langjährigen Gyn kenne ich es so, dass es ein kleines Zimmerchen gibt, das mir zum Aus- und Anziehen zur Verfügung steht. Alleine. Hier, beim Neuen, gab es nur einen Paravent und dafür war ich sowas von unpraktisch angezogen, mit Strumpfhose, Stulpen, Rock und Stiefeln. Und neben ihm war auch die Sprechstundenhilfe noch anwesend und es war einfach furchtbar unangenehm. Ich habe ewig gebraucht mich aus meinen Sachen raus zu schälen und doppelt so lange, um wieder reinzukommen. PEINLICH! Nicht noch mal!

Da muss ich dringend neu suchen! Ebenso wie einen Zahnarzt. Ich laufe nämlich mit einem Loch im Backenzahn durch die Gegend. Und ich habe Angst vor’m Zahnarzt. Und der letzte, den ich ausprobierte, hat mir einen Kostenvoranschlag für den 5,5-fachen Satz geschrieben. Krass!!! Natürlich ohne Zusatzversicherung. 200 Euro für eine Zahnfüllung – wie soll ich das bezahlen? Ach ja, Zahn-Zusatzversicherung. Da muss ich mich dringend für die Kinder drum kümmern. Unser Zahnputzverhalten ist leider völlig verkorkst und trotz aller Listen und Belohnungsversuche kriegen wir das einfach nicht in den Griff. Der Kinderzahnarzt schaut mich jedes Mal strafend an und er hat ja leider recht! Wir sind froh, wenn wir das Zähneputzen je Kind und Elternteil einmal am Tag hinkriegen. Und das ist zu wenig… Von Zahnseide und Co. mal ganz zu schweigen. Da brauchen die Kinder dringend eine Zusatzversicherung, damit die sicherlich notwendigen Füllungen unser Budget nicht zusätzlich belasten. Dabei ist Zähneputzen doch so einfach – eigentlich!

Ich fahre… finde die Adresse, mache einen richtig guten Job! Der Termin zieht sich… hoffentlich ist Oma noch entspannt. Abends will sie weg. Wie würde unser Leben wohl ohne die guten Geister aussehen? Wenn Oma kommt, dann sind danach nicht nur die Kinder gut gelaunt, nein, es ist auch sicherlich die Spülmaschine aus- und wieder eingeräumt und das Eine oder Andere hat sich heinzelmännchenmäßig selbst gemacht.

Mein Handy vibriert und ich versuche – autofahrend – die Nachricht meines Mannes zu lesen. Wenn ich jetzt einen Unfall baue, dann müssen die Kinder ohne mich groß werden, schießt es mir durch den Kopf. Handy weglegen? Wäre besser… aber ich entziffere die Nachricht während ich weiterfahre. Er kommt später heim – na Bingo!

Ich fühle mich, als ob ich einen Marathon gelaufen bin und jetzt hat jemand das Ziel mal eben um 5 km weiter nach hinten verlegt. Okay, ich versuche einen kühlen Kopf zu bewahren und mir zu sagen, dass mein Mann sicherlich gar nichts dafür kann. Oder doch? Den Gedanken versuche ich mal weit weg zu schieben – der kostet jetzt nur Kraft, die ich dringend für andere Dinge brauche.

Ich komme heim – unser Großer kommt mir entgegen. Ihm ist eingefallen, dass sie morgen die Mathearbeit schreiben. Wie lange er das wohl schon weiß? Üblicherweise werden die längerfristig angekündigt. Davon sage ich jedoch nichts, sondern lobe, dass er daran denkt es mir zu sagen. Oma verabschiedet sich. Glücklicherweise verzieht sie keine Miene und kommentiert mein spätes Erscheinen nicht. Danke für so viel Toleranz! Wie kann denn nun der Abend laufen? Pizza statt ordentlichem Essen? Das wäre ein Kompromiss. Mein Mann kann sich dann später eine Suppe warm machen.

Pizza in den Ofen, das kleine Kind vor den Fernseher (Dank an Kindergarten und Oma für die pädagogisch hochwertige Betreuung – das mindert mein schlechtes Gewissen an dieser Stelle deutlich!) und an die Matheaufgaben. Die Arbeit ist wichtig! Dieses Schuljahr wurden bereits drei Mathetests geschrieben. Mathe – immer das 1er-Fach – hat in diesem Schuljahr eine 1-, eine 2 und eine 3+ gebracht. Und dieses Zeugnis ist das Bewerbungszeugnis für die weiterführende Schule… Es muss eine 1 werden – wir wissen es beide. Wir wissen aber auch beide, dass Druck gar nicht gut zum Lernen ist und so verkneife ich mir jeglichen Kommentar. Wir multiplizieren. Eigentlich ganz einfach, zumindest hier zu Hause. Das 1×1 sitzt aber nicht gut. Das kriegen wir auch nicht ‚mal eben‘ in den Kopf. Da haben wir geschlurt, das müsste schon lange sitzen. Ebenso wie die wöchentlichen Englisch-Testvokabeln (eigentlich soll doch in der Grundschule nur verbal Spaß und Freude an der neuen Sprache vermittelt werden…), die wir tapfer lernen. Ich versuche Eselsbrücken zu bauen, zu erklären, dass ich die 7er-Reihe auch nicht auswendig, sondern nur herleiten kann. Es wird hoffentlich gut gehen. Heute ist aber das Vertrauen von Mama wichtiger, als die 7er-Reihe.

Wir überstehen den Abend irgendwie. Die Kinder gehen ins Bett (das geht leider nicht ganz so unkompliziert, wie sich dieser Satz liest, sondern ist eine langwierige und anstrengende Sache, wenn ich alleine bin). Mein Mann kommt heim. Wir besprechen die wichtigsten Themen, bevor wir unser Bett leer räumen (da liegt nämlich ein Kind schlafend drin) und uns selbst in die Decken kuscheln. „Ich hab Lust auf Dich!“ flüstert er mir ins Ohr. „Hätte ich auch gerne!“, denke ich, bevor ich einschlafe.

Miss Anonyma
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Miss Anonyma ist eine fiktive Person und steht stellvertretend für viele Mütter, die etwas aus ihrem Leben erzählen möchten, ohne dabei ihre wahre Identität preisgeben zu müssen. Sie erzählt uns etwas über tiefe Emotionen, gibt Gedanken preis, die nicht immer gesellschaftsfähig sind und spricht Themen an, wozu einem sonst der Mut fehlt. Die Beiträge stammen von verschiedenen Müttern aus der digitalen Welt, die uns ihre Gedanken zusenden, um sie zu veröffentlichen. Miss Anonyma spricht über das echte Leben – das hinter der Heile-Welt-und ich bin perfekt-Schale!

1 Comment to “Miss Anonyma: Ein ganz normaler Mama-Multitasking-Tag”
  • Jessica
    21. Oktober 2014 - Antworten

    Wie gut ich diese Mama verstehen kann und endlich mal jemand, der zugibt, dass es nicht immer so leicht ist, wie es bei vielen aussieht…

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